„Fuck Negativity“

Wortspiele wie „cHAARactHAIR“ sind nicht seins, dafür das Motto „Fuck Negativity“: Mit seinem kultigen Salon „ROOTS“ wirkt Jochen Doppelhofer auf uns wie der Rockstar unter den Friseuren. Grausliche Schnitte, Haarausfall und teurer Champagner als Heilmittel für den Lockdown – JOHANNS packt das Thema an der Wurzel und spricht mit dem Steirer über prekäre Angelegenheiten.

November 4, 2020

Text: Samira Frauwallner
Fotos: Kahriman/Paul Weber, Martin Guevara Kunerth, Joy’s Visual Artistry

JO|HANNS: Hallo Jochen. Wie kam’s zum Haareschneiden? Hast Du dir mit 17 gedacht, dass die Leute um Dich herum schrecklich aussehen und Du das ändern möchtest?

Jochen Doppelhofer: (Lacht) Ich weiß es bis heute nicht genau. Ich glaube, am meisten inspiriert haben mich mein Großonkel und mein Großcousin in Weiz. Beide waren Frisöre. Es mag komisch klingen, aber ich habe als Kind und später als Jugendlicher immer den Geruch des Frisörstudios in der Nase gehabt. Das hat mir gefallen. Auch, wenn es damals der Geruch nach Dauerwelle war, den ich heute absolut grauslich finde (lacht). Aber ich war immer gerne in diesem Salon, vor allem, weil man als Fescher wieder ging. 

Wie kam es zu ROOTS? 

Ich war damals viel im Ausland, in Europa fast überall, auch weiter weg. Als ich zurück nach Graz kam, stellte sich mir die Frage, wo ich jetzt einen lässigen Job finde. Mir war bald klar, dass ich mich selbstständig machen werde. Graz war meine Homebase, die einzige Option. Ich wusste, würde ich hier einen Salon gründen, würde es das auch bleiben. 

Was ist ROOTS, was verkörpert der Salon? 

Bodenständigkeit. Zu Beginn machte ich mich mit meinem Kollegen als Doppelhofer & Steininger selbstständig. Das war eine sehr gute Zeit. Als wir uns schließlich bei einem Glas Prosecco dazu entschieden, neue Wege zu gehen, blieb ich im Salon. Mein Gefühl war: Hier bin ich geerdet. Zu dem Namen kam es, weil ich sehr stark visualisiere, was ich mache. Bei allem, was ich tue, bin ich mit ganzem Herzen bei der Sache. Ich habe die Schrift „Roots“ vor mir gesehen und wollte ein Logo daraus machen. „cHAARactHAIR“ oder etwas in diese Richtung kam für mich nicht in Frage (lacht). 

„Fuck Negativity“ – Dein Credo auf der Website, auf deinen Stickern, im Studio. Auch Deine Lebenseinstellung? 

Ja. Das verfolgt mich in meinem Leben schon immer. Ich habe noch nie irgendetwas negativ gesehen. Dieses Credo war auf einmal da. Auch in meinem Freundeskreis war ich irgendwann der Typ, der das gänzlich verkörpert. So sieht mich jeder. Ich sehe halt einfach in allem das Gute. 

So bist Du auch in den anfänglichen Corona-Monaten auf Social Media aufgefallen. Deine Videos, die Du damals an deine Follower und Freunde rausgeschickt hast, haben selbst in Lockdown-Zeiten gute Laune gemacht und aufgeheitert? 

Ja, das war mir wichtig. Ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Zeit wie während des Lockdowns. Sonst besteht mein Tag aus Morgenroutine, Sport oder Yoga, und dann von früh bis spät aus meiner Arbeit. Da blieb viel auf der Strecke. Plötzlich hatte ich Zeit, mir über so vieles Gedanken zu machen – mir kam die Idee, meine Videos zu teilen und dazu den Leuten zuhause meine Produkte und meine Haarfarbe zu verkaufen. Damit sich die Leute zuhause nicht so verschandeln. 

Hat Dir als Frisör, der sich von zuhause aus mitansehen musste, was die Leute mit ihren Haaren anstellten, das Herz geblutet? 

Absolut (lacht). 

Im Falle eines weiteren Lockdowns, was hältst Du von Hausmittel-Haarkuren aus Bier, Avocado oder teurem Champagner, der selbsternannten Wunderwaffe vieler Blogger? 

Lieber mal die Haare länger nicht waschen und ausfetten lassen. Aus fachlicher Sicht würde ich nur Kokosöl in geringen Dosen empfehlen. Bier, Essig und kaltes Wasser sind natürlich okay, weil das die Schuppenschicht zusammenzieht und sich die Haare dadurch geschmeidiger anfühlen. Aber das ist nur eine Notlösung, und von allem anderen rate ich ab. 

„Meine Kunden gehen nicht nur mit schönem Haarschnitt oder schöner Farbe, sondern auch mit dem Mindset, dass das Leben eigentlich echt geil ist.“Jochen Doppelhofer

Was hat die vergangene Zeit mit Dir gemacht? Hast Du Dich verändert? 

Das Krasseste war, so viel Zeit zu haben. Man sagt zwar immer, dass man für alles Zeit findet, was einem wichtig ist. Dennoch – ich habe immer an etwas gearbeitet, seit ich denken kann. Plötzlich all die Zeit zuhause und mit der Familie zu haben … Ich fühlte mich, als würde ich schweben. Ich glaube, viele Menschen haben sich trotz der negativen Aspekte des Virus nach einem Break wie diesem gesehnt. 

Du bist Familienpapa und hast zwei kleine Kinder mit deiner Freundin, außerdem führst Du seit Jahren erfolgreich Dein eigenes Unternehmen. Wie kriegt Jochen Doppelhofer alles unter einen Hut? 

Wenn ich nicht vor Kurzem einen Bandscheibenvorfall gehabt hätte, würde ich jetzt behaupten, ich wisse das perfekte Rezept (lacht). Immer mehr als alles geben. Bis Mitte 20, 30 läuft ohnehin fast alles, wofür man brennt. Ich gab immer 130 Prozent, wahrscheinlich sogar im Schlaf. Das war mein Ding. Ich war der Meinung, Ruhe brauche ich nicht. Heute sage ich, Workflow kombiniert mit Familie und Sport ist der beste Weg. Ohne Sport kann ich nicht perfekt arbeiten, zuhause mit der Familie kann ich innerlich zur Ruhe kommen. 

Ein Ratschlag für alljene, die ihr eigenes Business gründen und führen wollen? 

Ich setze mir sowohl sportlich, als auch familiär und in der Arbeit Ziele, die ich dann auch umsetze. Man kann natürlich auch scheitern, das gehört dazu. Aber diesen Weg gehe ich, und der war bisher erfolgreich. 

Was vertrauen Dir die Leute im Friseurstuhl an? 

Alles. Die lustigsten Schauergeschichten. Aber ich persönlich habe immer sehr coole Gespräche. Da kommt auch „Fuck Negativity“ wieder zum Einsatz – ich höre mir natürlich alles an, was bei den Leuten gerade im Raum steht. Aber im Endeffekt schaue ich darauf, dass ich jedes Gespräch auf etwas Positives pole. Meine Kunden gehen dann nicht nur mit schönem Haarschnitt oder schöner Farbe, sondern auch mit dem Mindset, dass das Leben eigentlich echt geil ist. 

Hast du eigentlich Angst vor Haarausfall? 

Klar würde es mich ein kleines bisschen nerven. Aber wenn’s soweit ist, rasiert man sich eben die Haare ab, lässt sich den Bart etwas wachsen, man entwickelt sich in alles rein. Man kann alles steuern, auch seinen Kopf. 

Jochen, was ist heutzutage ein Gentleman? Hältst Du Frauen noch die Tür auf oder findest Du das veraltet? 

Nein, das ist die Basis von Benehmen. Egal, ob man ein Ultra-Hipster ist oder nicht, das gehört dazu. Wenn es angebracht ist, gefällt das doch jedem, nicht? Ich werde das immer machen.

Letzte Frage. Was macht für Dich einen Mann zum Mann?

Ein bestimmtes Selbstbewusstsein, ein gewisses Mindset. Man kann den Kasperl spielen und trotzdem, oder gerade deshalb, „männlich“ sein. Man muss jetzt nicht muskulös oder in Form sein, um „männlich“ zu sein. Es ist das Mindset. Sich wohl fühlen. Man kann immer an sich arbeiten, sich aber auch mal gehen lassen. Solange man sich lustig und lässig findet, ist es auch egal, ob die Hose gerade passt oder nicht. Einfach cool drauf sein und passt. 

Danke für das Gespräch! 

Jochen Doppelhofer
30, Vater zweier Kinder, ist ursprünglich aus Gleisdorf. Er ist vor einigen Jahren nach Graz gezogen, weil ihm der Standort für einen eigenen Salon ideal erschien. Hier wirkt er nun in seinem Salon ROOTS in der Belgiergasse 6.

www. rootshairdressers.at

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