Es geht nicht nur um Sex

Polyamorie, die freie Liebe zwischen mehreren Menschen, besteht seit der Mensch existiert. Nicht zu verwechseln mit Promiskuität: Während Zweiteres das Öffnen der Beziehung in sexueller Hinsicht bedeutet, geht es bei Polyamorie um Lebenspartnerschaften. Im Interview mit JO|HANNS berichtet Oskar, ein polyamor lebender Mann aus Graz, von seiner Philosophie zu lieben – und warum es bei Polyamorie eben nicht ums „Herumvögeln“ geht.

Februar 4, 2020

Sie leben polyamor. Wie definieren Sie das für sich?

Mir geht es vor allem um Commitment. Verbindlichkeit. Also, Beziehungen zu führen mit dem Streben nach Langfristigkeit, nicht ums Herumvögeln. Wichtige Aspekte der Polyamorie sind Ehrlichkeit und Offenheit zu den jeweiligen Partnern. Es gibt kaum den „einen“ Weg, wie man poly zu sein hat oder generell festgelegte Regeln oder Definitionen. Es gibt nur das, was zwischen den Liebespartnern passiert. Deshalb die große Bedeutung von Ehrlichkeit und offener Kommunikation. Ich verheimliche vor meinen Partnerinnen nichts.

Also geht es Ihnen nicht primär um Sex.

Im Gegenteil, Polyamorie stimmt sogar damit überein, asexuell zu leben. Mir geht es darum, mehr als eine Person lieben und auch verbindlich mit mehreren Menschen zusammen sein zu können. Polyamorie ist meine Lebenseinstellung!

Wie haben Sie den Entschluss gefasst, mehrere Liebespartner haben zu wollen?

Ich war acht Jahre lang in einer Beziehung. Nach vier Jahren fragte ich mich zum ersten Mal, ob ich erwarten kann, dass die andere Person alle meine Bedürfnisse erfüllt, und ob ich im Gegenzug alle Bedürfnisse meiner Partnerin erfüllen kann. Anfangs traut man sich nicht wirklich, über das Öffnen einer Beziehung nachzudenken, man wird in unseren Kulturkreisen sehr starr und monogam aufgezogen. Obwohl meine damalige Freundin meine große, völlig unantastbare Liebe war, wollte ich unser Liebesleben erweitern.

Wie hat Ihre Partnerin darauf reagiert?

Anfangs ging es uns noch nicht um Polyamorie. Wir haben uns jedoch gemeinsam informiert. Nach einiger Zeit haben wir das aber durchgezogen und es kamen die ersten, sexuellen Erfahrungen außerhalb unserer Beziehung. Leider hat das jedoch nicht mehr ewig gehalten. Wenn eine Beziehung bereits kaputt ist, kann man sie leider auch so nicht mehr retten.

Und wie kam es danach zum polyamoren Lebensweg?

Nachdem ich Personen getroffen habe, die ich attraktiv fand, merkte ich relativ schnell, dass es mir nicht nur um Sex geht, mal hier mal da. Ich konnte mir auch vorstellen, Beziehungen zu mehreren Menschen zu führen. Ich stecke sowieso bis obenhin voller Liebe. Ich fand dann heraus, dass es zahlreiche andere Menschen gibt, die mehrere Personen lieben und mit mehreren in Beziehungen leben, und habe für mich festgestellt, dass das die Richtung ist, in die ich wollte.

Ist Eifersucht in polyamoren Beziehungen Thema?

Ich habe tatsächlich erst einmal in meinem Leben Eifersucht empfunden. Man muss da sehr ins Detail gehen, achtsam sein und viel darüber reden, denn es gibt auch noch Verlustängste, fehlenden Selbstwert, Besitzansprüche. Bei mir ist das so, dass ich in meinen Beziehungen vollstes Vertrauen habe und nicht davon ausgehe, dass meine Bezieh-

ung darunter leidet, wenn meine Partnerin Sex mit einem anderen hat. Im Gegenteil: Das ist der Weg von der Eifersucht zur Mitfreude.

Eines vieler Vorurteile gegenüber Polyamorie ist…

…dass viele immer noch glauben, dass es dabei um möglichst viel Sex mit wechselnden Partnerinnen geht und dass monogame Liebesbeziehungen das einzig Seriöse sind, während Sex halt „nur“ Sex ist. Mitunter führt diese fälschliche „Hypersexualisierung“ dazu, dass Polyamore weniger respektiert werden.

Was, wenn ein Kinderwunsch entsteht?

Mit einer meiner Partnerinnen habe ich eine ganz klare Abmachung: Mit ihrem anderen Partner möchte sie Kinder bekommen, und wünscht sich diese auch, aber wir werden keines zusammen haben. Ich selbst möchte eines Tages auf jeden Fall Kinder – aber ob das jetzt meine eigenen sind, wir gemeinsam eines kriegen oder es das Kind meiner Partnerin ist, macht für mich erstmal keinen Unterschied. Ich liebe Kinder, ich kann mir vorstellen, sie großzuziehen und eine Vorbildrolle einzunehmen.

Angenommen, alle drei Partnerinnen sind gemeinsam in der Stadt. Spazieren Sie dann zu viert zum Einkauf und leben zusammen?

Das wäre für mich die absolute Traumwelt. Aber das ist so nicht immer möglich. Es gibt da ja noch die Metamors, also die Partner der Partner, und es gibt das jeweils eigene Leben und den jeweils eigenen Terminkalender. Wir frühstücken aber gelegentlich alle zusammen, treffen uns auf Partys. Am schönsten ist es, wenn wir ein großer, sich liebender Haufen sind.

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