EISBADEN – WIE EINE DROGE. Teil 2: Wim Hof-Instrukteure und Eisliebhaber

Die einen sind Kampfsportler, MMA-Fighter, Schwarzgurtträger, kurz: „Hard Challenger“. Die anderen sind Naturliebhaber, Mind-Coaches, Hobby-Eisbader aus Überzeugung, kurz: „Heart Challenger“. Was diese zwei Welten vereint, ist die Überwindung einer körperlichen und psychischen (Kälte-)Grenze im Alltag.

Dezember 15, 2020

HEART CHALLENGER: WIM HOF-INSTRUKTEURE UND EISLIEBHABER

Samira Frauwallner

Den meisten „Heart-Challengern“ geht es gar nicht um eine Challenge, um Rekorde oder Extremsport. Die Motivation ist hier oft banal: Die Eisbader, die aus Überzeugung und Leidenschaft mehrmals wöchentlich in Eistonnen und zugefrorene Teiche steigen, möchten keine Religion aus ihrem Hobby machen. Sie tun, was sie tun, um ihr Immunsystem zu stärken, ihren Geist zu kontrollieren und zu lernen, wieder mehr im Jetzt zu leben.

Hier dienen ihnen als Motivation und Vorbild oft der Niederländer Wim Hof oder der die Kaltwassertherapie betreibende Hydrotherapeut und Naturheilkundler Anton Kneipp. Beide haben gelernt, das Immunsystem willentlich zu beeinflussen und dadurch Krankheitserreger gezielt zu bekämpfen. Wim Hof wurde für seine Methoden und Ideen zuerst von aller Welt angezweifelt und für verrückt erklärt. In den letzten Jahren bestätigen seine Methode jedoch ärztliche Untersuchungen und Forschungen. Hofs Rezept: Regelmäßige Eisbäder, Atemübungen und Meditation.

(c) Seipt

Man nennt ihn „The Iceman“. Stundenlang kann er in Eiswasser verharren. Seine Körpertemperatur ändert sich dabei nicht. Supermenschliche Überkräfte? Nein. Laut Wim Hof kann das jeder. Jeder könne die außergewöhnlichen Fähigkeiten zur Steuerung des Organismus erlernen. So ist der Mann, der 23 Weltrekorde gebrochen hat, ohne Wasser zu trinken durch eine Wüste gelaufen, trug bei der Besteigung des Mount Everest nur Shorts, tauchte 50 Meter unter Eis und ist aller Welt, besonders auch der Medizin, ein Begriff geworden. Und tatsächlich ist es möglich, seine oder ähnliche Methoden zu adaptieren und den eigenen Körper so zu trainieren, dass er der Kälte nicht nur standhält, sondern regelrecht süchtig nach dem Gefühl wird, das bei einem Eisbad entstehen kann.

Es bleiben Fragen offen: Wer sind die Menschen, die sich diese Methoden angeeignet haben? Warum und aus welchem Motiv heraus setzt man sich freiwillig eisiger Kälte aus? Was muss bei einem Eisbad beachtet werden? Und für wen ist das geeignet? JO|HANNS fragt unter anderem eine Wim Hof-Instrukteurin, die den Meister selbst kennenlernen durfte und mit ihm unterwegs war; sowie „ganz normale“ Männer, die es in ihren Alltag integriert haben, kalt zu duschen, speziell zu atmen und minutenlang in Eiswasser zu sitzen.

Die Wim Hof-Instrukteurin: „Es wird ruhig in dir.“

(c) Flandorfer

Sonja Flandorfer lernte Wim Hof auf Vorträgen in New Jersey kennen. Für sie war er anfangs ein Verrückter: „23 Weltrekorde, freiwillig in Eisbädern, das ist ja ein Wahnsinniger, für mich ist das nichts“, beschreibt sie ihren ersten Kontakt mit ihm. Und trotzdem recherchierte sie den „Iceman“ und probierte seinen 10 Wochen-Fundamental-Kurs.

„Ich hasste die Kälte früher. Ich war jemand, dem immer zu kalt war, auch im Sommer. Ich trug meist drei Schichten Kleidung. Es war eine Challenge für mich.“ Nach dem Kurs änderte sich das: Sie entdeckte langsam und in kleinen Schritten die Liebe zur Kälte für sich. Sie bemerkte eine Änderung in ihrem Geist und in ihrem Körper. 

Was Sonja hier für sich entdeckte, ist die WIM HOF-METHODE: Die Praktik setzt sich aus einer speziellen Atemtechnik und dem regelmäßigen Baden in kaltem Wasser zusammen. Kaltwasserschwimmen kann dabei helfen, das eigene Nervensystem zu steuern, das Immunsystem anzukurbeln, mehr mentale Stärke zu erlangen und sich körperlich wohler zu fühlen. Kalt duschen ist der erste Schritt. Wim Hof duscht nach eigenen Angaben täglich nach dem Aufstehen drei Minuten lang kalt.

Badesaison eröffnet

Die Methode funktioniert anfangs über zwei Faktoren:

1: Atmung. Die gesamte Methode beruht auf einer speziellen Atemtechnik: Dreißig- bis vierzigmal tief und ohne Pause ein- und ausatmen. Anschließend die Luft eine Minute lang anhalten. Zu Beginn zwei Runden lang, danach auch öfter. Die Atemübungen lassen sich im Alltag integrieren.

2: Kälte. Hat man die Atemtechnik im Griff, kann zum zweiten und essenziellen Teil der Methode übergegangen werden, der Kälte. Traut man sich ins Eiswasser oder unter die kalte Dusche, ist es wichtig, währenddessen auf den Atem zu achten und nicht in Schnappatmung zu verfallen.

Wim Hof selbst empfiehlt, sich langsam durch kaltes Wasser an die Kälte zu gewöhnen und dabei die spezielle Atemtechnik anzuwenden sowie unbedingt zwischen einer kalten Dusche und einem Eisbad zu unterscheiden. Sonja rät allen dazu, außer Menschen, die gesundheitliche Probleme haben. Diese sollten vorab dringend einen Arzt konsultieren, denn: „Die Kälte in einem Eisbad ist natürlich ein Schock fürs Herz. Bei meinen Workshops durfte ich sehen, dass es alle gut geschafft haben, auch alle mit Herz-Rhythmus-Störungen oder Bluthochdruck. Trotzdem ist ein Arzt vorher zu konsultieren. Bei Nierenversagen sollte man auch nicht in die Kälte. Bei Panikstörungen muss man das vorher dem Instruktor auch sagen. Und direkt nach Operationen mit frischen Wunden sollte man die Wim Hof-Methode auch nicht machen, denn allein mit der Atmung wird das Herz-Kreislauf-System angeregt und alles wird fest durchblutet, sodass vielleicht Nähte aufgehen können, wenn sie ganz frisch sind.“ Bei Schwangerschaft, Raynaud-Syndrom Typ 2 und Epilepsie sollte man es gar nicht machen.

Sie empfiehlt es allen, die „mehr Energie haben wollen, alle, die Stress reduzieren wollen. Die mehr Leichtigkeit und Entspannung im Leben wollen oder erhöhte Leistung im Sport. Viele Profisportler machen Eisbäder, weil die Regeneration der Muskeln viel schneller ist. Es geschieht auch Schmerz-Reduktion bei Gelenks- und Muskelschmerzen. Wird es regelmäßig gemacht, braucht man auf Dauer im besten Fall auch weniger Medikamente. Das Immun-System wird gestärkt.“

(c) Seipt

Was sie, aber besonders ihre Kurs-Teilnehmer nach der Kältetherapie erzählen: „Kälte ist für mich heute Liebe. Was ich am meisten liebe: Ich brauch nicht mehr drei, vier Schichten Kleidung im Winter. Ich habe mit der Kälte Frieden geschlossen. Ich bin jetzt so viel entspannter in meinem Leben, besonders durch das Wissen, dass Kälteempfinden nur im Kopf ist.“

Viele Eisbader empfinden es nach wie vor täglich als Herausforderung. Doch: „Man ist in der Kälte im Hier und Jetzt. Im Eisbad kann man nicht nachdenken, was man morgen kochen wird. Die Gedanken hören auf – plötzlich ist es still. Es wird ruhig in dir.“ Beim Eintauchen in Eiswasser verengen sich die Hautgefäße, während sich die Blutbahnen weiten, damit das Blut weiter zirkulieren kann und Organe sowie Arme und Beine weiter ausreichend durchblutet werden.

Um die normale Temperatur von 36,3 bis 37,4 Grad zu halten, muss der Organismus sehr viel Energie freisetzen. Er verbrennt Fett und mobilisiert Adrenalin und andere Stresshormone, die für den „Kick“ und das euphorische Gefühl nach dem Bad sorgen. Trotz der Kälte fühlt sich der Körper warm an und es entsteht ein prickelndes Gefühl auf der Haut.

Der Sonnenanbeter: „Man wird im Alltag resilienter.“

Herbert Seipt ist Sonnenanbeter. Wie eine Eidechse könne er den ganzen Tag in der Sonne verharren. Zum Eisbaden kam er aus medizinischen Gründen: „ Vor sechs, sieben Jahren begann ich aus medizinischen Gründen kalt zu duschen, das hilft auch gegen Krampfadern. Ich begann mit den Beinen, den Händen, irgendwann duschte ich den ganzen Körper kalt ab. Es war eine irrsinnige Überwindung, aber ein tolles Gefühl danach.“

(c) Flandorfer

Eines Tages entdeckte er Wim Hof für sich und buchte einen Kurs bei Sonja Flandorfer. „Ich habe bei Sonja einen Kurs gemacht und kippte vollends rein. Atemübungen in der Gruppe etwa können durchaus ‚high’ machen – ich schwebte danach wie auf einer Wolke. Das anschließende Eisbad und die Gruppendynamik waren eine tolle Erfahrung. Das Ganze ist für mich wie ein Mittel zum Zweck: Im Eiswasser beruhigst du deinen Geist. Du lernst, wie du mit deinem Mindset auf deine Empfinden Einfluss nehmen kannst. Du erweiterst im täglichen Leben deine Komfortzone. Du fühlst dich nicht mehr nur im Warmen wohl. Du lernst, dass dein persönliches Empfinden nicht mehr nur von Positivem abhängig ist. Das kann das Wetter sein, Emotionen, Streit, Sorge, Probleme im Büro. Man kippt nicht sofort in Negatives rein, man wird im Alltag resilienter.“

Seine Warnung: Das Eisbaden solle man nicht überstürzen oder unüberlegt machen. „Es ist nicht ganz trivial. Dein Körper im Eiswasser schaltet auf Alarm und Notsituation und schaltet in den Überlebensmodus. Alles andere wird uninteressant. Der Körper schaltet auf Überleben. Gehst du dann aus dem Wasser raus, sind deine Hände kalt. Dein Körper innen rund ums Herz ist warm. Wenn zu schnell das kalte Blut aus Händen und Beinen in den Torso fließt, dann kann es zu Schockzuständen kommen. Das kann bis zum Herzstillstand führen. Da muss man aufpassen. Direkt vom Eisbad in die Sauna wäre das letzte, was man machen soll.“

Der Apnoe- und Eis-Taucher: „Fressen, Saufen, Rauchen – alles kann kaltes Wasser auch nicht heilen.“

Jürgen Kling hatte nie ein großes Problem mit Kälte und ist Apnoe-Taucher. (Anm. d. Red.: Beim Apnoetauchen oder Freitauchen atmet der Taucher vor dem Abtauchen ein und nutzt im Gegensatz zum Gerätetauchen für den Tauchgang nur diesen einen Atemzug. Den Zeitraum des Luftanhaltens bezeichnet man als Apnoe.) Sein Zugang zum Eisbaden: „Vor langer Zeit las ich ein Buch über Tibet und tibetische Mystik – da war auch ein Kapitel über die drei Fähigkeiten, die Mönche erlernen. Das ist zum Beispiel, der Kälte stand zu halten. Da ging es darum, das innere Feuer anzuzünden. Das war zu der Zeit nicht sehr populär. Man hörte darüber nicht viel. Wenn man recherchierte, konnte man auch nicht viel darüber herausfinden, da es gefährlich sein kann. Irgendwann wurde Wim Hof in den Medien populär. Als ich seine Aktion sah, 50 Meter unter Eis zu tauchen, fing ich an, mich über ihn zu informieren. Und wurde sozusagen ins Kalte geworfen.“

Kling war anfangs skeptisch. „Viele wünschen sich einen Guru, einen Heiler, sie hoffen, dass Wim Hof alle ihre Probleme löst. Da war ich skeptisch. Aber ich fand heraus, dass Wim Hof ein ganz normaler Typ ist. Ein Individualist, ein Extremsportler, dem es wichtig ist, die Medizin zu revolutionieren.“

Was ihm die Kältetherapie als solche im Leben brachte: Er konnte damit Stress und Burn Out besiegen. Besonders die Natur und das Tauchen hätten dazu beigetragen: „Die Wenigsten kommen zu dem Punkt, wo man in kaltem Wasser taucht: Zwischen Dusche, Wanne und offenem Wasser besteht ein riesiger Unterschied. Kalt duschen ist lustlos. Aber in kaltem Wasser schwimmen – nach einer Minute genießt man es. Endorphine. Du bist in der Natur, um dich herum ist alles still. Der Körper legt einen Schalter um, das ist wie Zuhausesein. Klar, du musst dich überwinden – aber nach zwei Schwimmzügen unter Wasser fühlt es sich gut an. Du willst nicht mehr hoch.“

Jürgen rät abschließend dazu, Wim Hof und die Kältetherapien nicht als Religion, als Allheilmittel zu verstehen. „Klar, hurra, Wim Hof, wir retten uns und die Welt, das ist verführerisch. Viele wollen einfach gesagt bekommen, wie sie es und was sie dabei tun sollen“, so der Taucher. Aber: „Fressen, Saufen, Rauchen, und das kalte Wasser soll das heilen? So einfach ist es nicht.“

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