Die letzten Erben des Times Square

Das Rotlichtmilieu Österreichs ist nicht mehr, was es einst war. Nur wenige Institutionen halten sich noch erfolgreich über Wasser. Die Geschäftsleitung des Grazer Nightclubs Carisma gewährt nun einige Einblicke.

Februar 4, 2020



Von den 60er-Jahren bis in die 80er war die Nachtclubszene noch Treibhaus wilder Geschichten. Heute wird Sexarbeit staatlich streng kontrolliert, es gibt Kassazettelpflicht und die Notwendigkeit strategischer Firmenplanung. Mit Clubbings und Shows machen sich Freudenhäuser für den Mann attraktiv und versuchen mit Aktionen und Thementagen zu reizen. Viele Rotlichter sind in den letzten Jahrzehnten erloschen, nur einige wenige haben den Sprung in das neue Zeitalter geschafft. Eines von ihnen ist der Grazer Nightclub Carisma, der die letzten Peepshows der Steiermark führt.

Noch gibt es sie, die Peepshows, nämlich – die letzten ihrer Art. Bis heute können sie Fantasieland oder Fluchtmöglichkeit sein, vor dem Alltag, vor Problemen, der Wirklichkeit. Erfunden wurden sie in New York, auf der berühmtesten Kreuzung, dem bekanntesten Knotenpunkt der Welt: dem Times Square. Bekannt wurde dieser einst für sein Rotlichtgewerbe. In den 1920ern und 1930ern boomte hier die Burlesque-Szene. Seitdem war der Times Square ein Ort in New York, an dem die Menschen ihren Kick suchten. Den wohl wichtigsten Schritt auf dem Weg zu den Peepshows machte schließlich der Erfinder der Glühlampe: Thomas Alva Edison mit seinen Kurzfilmen und den Geräten, auf denen man diese ansehen konnte. In den Jahren nach ihrer Entstehung schwang sich der Erfolg von Peepshows in ungeahnte Höhen. Die Möglichkeit, seinen geheimen Gelüsten in einer Einzelkabine zu folgen, ohne seinen Nachbarn sehen zu müssen, sorgte für den wohl höchsten Genuss. Doch die fetten Jahre dieser Art sind längst vorbei. Nur wenige blieben standhaft und bestehen.

Die erste Peepshow mit Bordellgenehmigung

Das Carisma Graz gibt es seit siebzehn Jahren. Anfangs teilte es sich seine Peepshows mit vier oder fünf weiteren in Graz, mittlerweile führt der Nachtclub am Schönaugürtel die letzte und einzige. Die anderen sind, so die Geschäftsleitung, in Konkurs gegangen aus Mangel an Anpassung an die Zeit. „Früher war es so, dass sich der Kunde eine schöne Dame angesehen, sich dabei eventuell befriedigt hat, und danach war er wieder weg.“ Ganz nach Spider Murphy Gangs Lied „Ich schau dich an“ aus dem Jahr 1982, in dem der Sänger noch sein kurzes Minutenglück beklagt, nachdem er wieder auf die Straße zurückmusste. „Wir hatten die erste Peepshow Österreichs mit einer Bordellgenehmigung“, erzählt man JO|HANNS.

Die letzten Erben des Times Square

Das bedeute, dass die Dame mit dem Kunden danach in einem der teils prunkvollen, teils klassischen Zimmer auch Sex haben durfte. „Unsere Damen sind alle selbstständig. Sie suchen sich aus, was sie machen wollen und verlangen ihre eigenen Preise.“

Der Kunde kann hier vorab die Website besuchen, um sich zu informieren, welche Frau verfügbar ist oder welche Serviceleistung sie anbietet. Danach kann er vor allem auch tagsüber unter freiem Eintritt in den Club kommen, sich auf den stets aktuellen Infoboard über die Damen informieren, Leistungen buchen und schließlich eines der über 20 feudalen Zimmer mieten. Carisma ist seit drei Jahren noch größer, noch moderner geworden. Es gibt einen anonymen Parkplatz, Tagesbetrieb und seit Anbeginn Damen, die gerne arbeiten: „Weil sie keinen Alkohol trinken oder Party machen müssen. Außer, sie möchten es. Weil sie selbstständig sind und sich selbst aussuchen, was sie machen wollen.“ Auf den digitalen Infoboards bieten sie ihre unterschiedlichen Dienstleistungen an.

Peepshow NextGeneration

Das Herz der Peepshows sind jedoch die Bühnen. Im Carisma drehen sie sich für die ideale Rundumansicht. Sexualität, Begehren und Lust sind untrennbar mit dem Sehen verbunden. Es gibt ein Spannungsfeld zwischen dem, was der Kunde sieht und dem, was er sich wünscht und zu sehen hofft. Der Peepshow-Voyeurismus ist letztlich nichts anderes als organisiertes Spannen, zu Englisch: To peep. Die Vorstellung, etwas zu sehen, ohne selbst gesehen zu werden. Die Lust am Verborgenen macht es erotisch. Bis heute ein Erfolgsgeheimnis der Live-Striptease. In den letzten 12 Jahren führte das Carisma zudem einmal wöchentlich, mittlerweile einmal monatlich Live-Shows unter Mottos wie „Doktorspiele“ oder „007“. Aktuell verkehren in vier Betrieben, dem Carisma Graz, dem Laufhaus Peepshow Graz, dem Carisma Zeltweg und Peepshow Laufhaus Wien siebzig bis hundert erfolgreiche Damen. Das Geschäft floriert, weil man sich, auch beruflich, weiterentwickelt hat. UV-Licht und Plastikpalmen reichen in den Tempeln der Lust, den letzten Erben des New Yorker Times Squares, eben nicht mehr.



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